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Unergründlich e.V.  Zeit für Dich und Deine Seele

 

 

 

Friede, mein Herz.

Lass süß die Zeit des Abschieds sein.

Lass ihn Vollendung sein im Tod.

Lass Liebe zur Erinnerung werden

und Lieder aus dem Schmerz erblühn.

Lass den Himmelsflug ein Ende finden

im Flügelfalten überm Nest.

Lass deiner Hände letzte Zärtlichkeit

so sanft sein wie die Blüte einer Nacht.

Halte stille einen Augenblick,

o wunderbares Ende,

und sage deine letzten Worte

hinein ins Schweigen.

Ich neige mich vor dir,

hoch halt ich meine Lampe,

den Weg dir zu erhellen.

 

Rabindranath Tagore

 

 

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

 

die Begleitung von schwerstkranken und sterbenden Menschen ist seit langem ein Schwerpunkt meiner Arbeit geworden. Abschied gehört zu meinen Lebensthemen.

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Beziehungen zu Sterbenden und Trauernden nur gelingen kann, wenn ich mich persönlich einlasse. In diesem Beruf ist meine persönliche Haltung Teil meiner professionellen Arbeit. Manchmal ist das nicht leicht. Aber ich habe erlebt, dass ich nur dann sinnvoll und empathisch begleite, wenn ich mich dieser persönlichen Unsicherheit stelle.

 

Und ich habe erfahren dürfen, dass ich dann selbst berührt werde, und oft beschenkt. Mit Erfahrungen des Abschieds. Mein Leben ist abschiedlich geworden. Ich bin sprachlos, dankbar, vertrauensvoll, fragend jeden Tag, wenn die Sonne aufgeht und ich wach werde. Meine Arbeit ist auch ein Geschenk.

 

Deshalb mute ich Euch diese Worte und das Gedicht des Abschieds zu. Wie viele Menschen haben im letzten Jahr Abschied nehmen müssen? Die Pandemie zeigt uns, was immer schon zu unserem Leben gehört, jetzt aber wie durch ein Brennglas deutlich wird: Sterben ist Teil des Lebens. Hinzugekommen ist eine dramatische Situation, dass Zugehörige oft Abschied nehmen müssen ohne Abschied. Weil sie nicht dabei sein dürfen, wenn ihre Liebsten sterben, weil sie sie nach dem Tod nicht mehr sehen oder berühren dürfen, weil die Trauerfeier eingeschränkt ist, weil sie sich nicht mit Familie und Freund*innen nach dem Tod treffen können, oder aus noch anderen Gründen.

 

Abschied zu geben und zu nehmen ist nicht leicht. Meine Erfahrung ist aber, wenn wir uns dem Abschied stellen, das Beste versuchen, was geht, wird es auf Dauer leichter, als wenn wir davonlaufen. Und vor allem: ich bin berührbar vom Leben, spüre deutlich, dass es endlich ist. Das wirkt sich auf jeden meiner Tage aus, selbst wenn ich nicht daran denke. Meine Haltung zum Leben wird abschiedlich und darum die Freude an jedem Tag, an jeder Begegnung umso größer.

 

Die Ostertage sind ein Bild und tatsächlich eine Feier: Aus der Annahme des Sterbens wird für mich intensiveres Leben. Die Freude und der „Lebensübermut“ - ein wunderbares Wort von Thomas von Aquin - folgen. Ostern sind alle drei Tage: von Freitag bis Sonntag. Abschied mit Tränen und Neuanfang mit Freude gehören untrennbar zusammen.

 

Ich wünsche Euch den Mut zu Tränen und Abschied und den Lebensübermut der Freude!

 

Christoph Schmidt

 

 

 

 

 

 

 

Projekt-Eröffnung "Spiritual Care" am 12. Oktober 2020

 

 

 

 

Wie wir hier schon berichtet haben, öffneten sich in diesem Jahr auch für unseren Verein neue Türen mit unserem Projekt der konfessions-unabhängigen spirituellen Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen, für das wir dank der Unterstützung durch die Deutsche Fernsehlotterie zwei halbe Stellen einrichten konnten.

 

 

 

 

 

Elfi Scho-Antwerpes, 1. Bürgermeisterin der Stadt Köln

 

 

Die spirituelle Begleitung konfessions-unabhängiger Menschen ist uns ein zentrales Anliegen, dessen aktuelle Bedeutung in den Redebeiträgen zur Projekteröffnung am 12. Oktober deutlich wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                              Dr. Johannes Nießen,

                                              Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt Köln

 

 

 

 

 

So stellte es Frank Gunzelmann von ALPHA NRW (Ansprechstellen im Land NRW zur Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung) dar:

 

 

 

 

 

„[...] heute ist auch ein wichtiger Tag für die Hospiz- und Palliativversorgung in unserer Region, denn Ihr Projektes setzt ein klares Signal. Es sagt: Die professionelle spirituelle und konfessions-unabhängige Begleitung von schwerstkranken und sterbenden Menschen ist ein unabdingbarer Baustein der hospizlich-palliativen Versorgung. Die Sorge um die spirituellen Bedürfnisse am Lebensende wird seit den 1960er Jahren als eine Säule von Palliative Care verstanden. Grundlage für dieses Verständnisses ist das Total Pain Konzept, in dem die Begründerin der modernen Hospizbewegung, Cicely Saunders, Schmerz als ein mehrdimensionales Phänomen beschreibt. Neben der physischen Dimension steht für das Verständnis und die Behandlung von Schmerz gleichberechtigt die soziale, psychische und auch spirituelle Dimension. Durch diesen revolutionären Gedanken ist Spiritual Care zu einem selbstverständlichen Baustein der Begleitung in schwerer Krankheit geworden.

 

Leider wird dieses Angebot bislang nicht über die Sozialversicherungen finanziert; es erfolgt in aller Regel durch Kirchen und Religionsgemeinschaften. Diese Situation ist besonders für Menschen prekär, die kein kirchliches seelsorgliches Angebot erhalten können oder dieses nicht wahrnehmen wollen, egal ob sie sich als konfessionslos, religiös enttäuscht oder indifferent verstehen. Und wir sprechen hier von einem stetig wachsenden Teil unsere Gesellschaft, wie die im letzten Jahr veröffentlichte „Freiburger Studie“ von Fabian Peters und David Gutmann zeigen konnte. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die beiden christlichen Kirchen seit Beginn der 1970er Jahre kontinuierlich Mitglieder verlieren und der Anteil der Bevölkerung ohne kirchliche Bindung gleichzeitig steigt. Sie prognostizieren, dass sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 halbieren wird, was vor allem mit einem stark geänderten Tauf- und Austrittsverhalten erklärt wird. Die demografischen Faktoren sind bei dieser Entwicklung nachrangig wirksam. Genau hier setzt der zweite wichtige Aspekt Ihres Projektes an: sie schaffen ein Angebot der spirituellen Begleitung am Lebensende, das nicht an eine Konfessionszughörigkeit gebunden ist...“

 

 

 

 

Karin Scheer, Hospiz- und PalliativVerband NRW e.V.

 

 

 

Im Grußwort teilte Christa Michels, Referentin für Palliativ- und Hospizarbeit und Trauerbegleitung, ihre ganz persönlichen Gedanken:

 

 

 

 

„Spiritual Care, Spirituelle Sorge, Seelsorge ist selbst- verstanden und selbstverständlich Teil der ganzheitlichen Lebenssorge, die Pflege und  Begleitung in allen Dimensionen des Menschseins meint, die uns Kopf, Herz/Seele, Hand und Fuß abverlangt, die auch dem Unsichtbaren im Leben Raum gibt und in einer offenen, wertschätzenden Begegnung mit dem sterbenden Menschen eine Suchhaltung ohne vorschnelle Antworten einnimmt…

 

Ich durfte lernen von Dr. Cicely Saunders und Dr. Elisabeth Kübler- Ross. Meine wirklichen und beeindruckendsten LehrerInnen waren und sind für mich die Menschen, die ich begleiten durfte. Sie alle waren und sind kompetenter, wissender und weiser als ich und wir alle…

 

In der Zeit meines Sterbens wünsche ich mir Menschen an meine Seite, die sich an meiner Person, an Christa Michels orientieren, die mich aushalten in meinem Gewordensein, die meine Lebenserfahrungen als persönliches Eigentum betrachten, Vertrauen in meine Ressourcen haben, die auch die Schattenseiten meines Lebens mit mir aushalten, Lebensüberschau, Rückschau, Abschied und Trauer mit mir teilen, die meine Gefühle willkommen heißen und nicht bewerten, meine Grenzen achten und sich der eigenen sehr bewusst sind...“

 

 

 

Die Haltung, die unsere konfessions-unabhängige Spiritualität prägt, beschrieb Birgit Boukes, Vorstand des Unergründlich e.V.:

 

 

 

 

 

„In seinem märchenhaften Roman „Der Zirkus der Stille“ (Hoffmann und Campe, Hamburg 2016) lässt Peter Goldammer die junge Frau Thaïs eine Erfahrung erzählen, die ihr ganzes Leben verändert: Thais ist als einzige Zugehörige konfrontiert mit dem Tod ihrer Großmutter, der „unvergleichlichen Madame Victoria“, einer ehemaligen Kunstreiterin im Zirkus. Das Verhältnis von Großmutter und Enkelin ist belastet, trotzdem ist es der Enkelin ein Anliegen, die Verstorbene noch einmal zu sehen und sie zu beerdigen.

 

Madame Vicorias Vermächtnis findet einen ganz besonderen Ausdruck, denn sie hat es an herausragender Stelle notiert:

„Sehen Sie hier, Mademoiselle, sagte Monsieur Luban und zog das steife Tuch weiter hinunter. Ich verstand nicht recht, was ich da sehen sollte. [...] „Sehen Sie es nicht?“ Er deutete mit der ausgebreiteten Hand auf [... die] Brust [der Toten]. Da sah ich es, blasse blaugrüne Linien, eine seltsam krakelige Schreibschrift – sie hatte einen Kugelschreiber benutzt. [...] Tatsächlich. Sie hatte sich selbst mit Kugelschreiber beschrieben.“

 

Mit Haut und Haaren hat sich die Sterbende auseinandergesetzt mit dem, was in diesem existentiellen Augenblick bedeutsam ist: Fragen im belastenden Umgang mit ihrer Enkelin, Fragen nach dem Sinn ihres Lebens. Ein Schmerz, der sie mit Haut und Haaren erfasst hatte – ganz und gar, nicht nur körperlich, sondern existentiell und spirituell - total pain. Ihre existentiellen Fragen, wie es nach ihrem Tod weitergeht, ihr Wunsch nach Versöhnung mit ihrer Enkelin -  all das ist Ausdruck ihrer eigenen Verbundenheit mit dem tiefen Wesentlichen, Ausdruck ihrer eigenen Spiritualität - jenseits von Antworten und Bekenntnissen.  [...]

 

Die Menschen bei Unergründlich ver-bindet eine Haltung, aber sie bindet sie nicht. Ein Bild für diese Haltung, diese Spiritualität ist die unvergleichliche Madame Victoria mit ihrem ganzen Leben. Erzählen können wir von Spiritualität nur in Bildern, wir nähern uns dem an, was wir nie ganz fassen können, was jeder Mensch aus der eigenen Perspektive wahrnimmt.

 

Die Welt der Zirkusreiterin ist geprägt vom Unterwegs-Sein, vom Aufbruch und von Gemeinschaft. Sie lebt Zugehörigkeit, ohne gebunden zu sein, Heimatlosigkeit und vielfältige Begegnung zugleich.

Ernst nehmen können wir die Spiritualität jedes Menschen nur, wenn wir Freiheit lassen, ihn nicht an uns und unsere Vorstellungen binden, wenn wir Raum schaffen, in dem sich vielfältige spirituelle Lebensentwürfe zugehörig fühlen und einander begegnen können.

Bei ihren Kunststücken auf dem Pferd muss Madame Victoria auf eigenen Füßen stehen, sie selbst hält die Zügel in der Hand. Und doch gibt es keine absolute Sicherheit, es geht nur mit Vertrauen. Sie muss sich tragen lassen. Das fühlt sich oft sehr wackelig an – und es misslingt, wenn sie starr bleibt, in ihrer Position verharrt und nicht die Bewegungen mitvollzieht, die geschehen.

 

Authentisch leben können wir Spiritualität nur, wenn wir jeden Menschen zur Selbstbestimmtheit ermutigen, wenn wir keine Sicherheit versprechen, sondern Vertrauen stärken und in dem mitgehen, was geschieht. Wie es dann gelingt, das Getragen-Werden ohne Antworten, bleibt letztlich immer auch ein Stück unergründlich...

 

 

 

Dr. Thomas Joist

Dr. Stefanie Wagner

Palliativteam SAPV Köln,

Kooperationspartner

des Unergründlich e.V.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Redebeiträge in voller Länge finden Sie hier:

 

 

Grußwort Christa Michels zum Projektstart Spiritual Care.pdf
Download

 

 

Vortrag Frank Gunzelmann - ALPHA - zum Projektstart Spiritual Care.pdf
Download

 

 

Vortrag Birgit Boukes - Vorstand Unergründlich e.V. - zum Projektstart Spiritual Care.pdf
Download

 

 

Wir wünschen allen in diesem besonderen Advent Türen zur ganz eigenen Spiritualität – jenseits von Antworten und Bekenntnissen.

 

 

Der Vorstand von Unergründlich e. V. und Christoph Schmidt und Norbert Reicherts

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Felix Grützner, Lebenstänzer

 

 

 

 

Fotos: Bruno Kemper

 

 

Am 12. Oktober feierten wir die Eröffnung unseres Projekts der konfessions-unabhängigen spirituellen Begleitung Schwerstkranker und Sterbender. Die breit gefächerte Teilnahme ganz verschiedener Menschen - darunter Freundinnen und Freunde unseres Vereins, Vertreterinnen und Vertreter der Hospiz- und Palliativarbeit in Köln und NRW, die Erste Bürgermeisterin der Stadt Köln, Elfi Scho-Antwerpes, der Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, Dr. Johannes Nießen -  und die verschiedenen Redebeiträge unserer Gäste haben uns gezeigt, dass unsere Arbeit sehr geschätzt und als gesellschaftlich notwendig gesehen wird. Darüber freuen wir uns sehr!